Leichtbau

Abspeckplan für Autos

Abspeckplan für Autos: Wie können Vliesstoffe dem Leichtbau Flügel verleihen?

Autohersteller und Zulieferer setzen Fahrzeuge auf Diät. Wie und wo sie Pfunde einsparen, warum das Thema Leichtbau das schwergewichtigste der Branche ist und was Freudenberg Performance Materials (Freudenberg) in die Waagschale wirft, darüber haben wir mit Dr. Alen Nosic gesprochen. Er ist Global Strategic Business Unit Manager Automotive.

Sind ein paar Gramm mehr oder weniger Gewicht wirklich die Welt, wenn es um die automobile Zukunft geht?

Nosic

Ein paar Gramm nicht, aber wenn wir uns in Richtung von Kilogramm bewegen, dann ist es signifikant. Große Premiumhersteller haben für sich die Faustregel entwickelt, dass jedes eingesparte Kilo ihnen drei bis vier Euro wert ist. Bei einem Volumenhersteller sind es tendenziell ein bisschen weniger. Das sind natürlich auf das einzelne Auto und auf die gesamte Masse der Produktion hochgerechnet erhebliche Summen.

Ist deshalb Leichtbau im Automobilbau gerade so ein Thema?

Nein. Die EU Verordnung zur Vermeidung von CO2-Emmissionen schreibt ab 2020 vor, dass Neuwagen einen Ausstoß von maximal 95g CO2/km haben dürfen. Ähnliche Regulierungen gibt es auch in anderen Ländern. Werden sie nicht eingehalten, drohen Strafzahlungen. Um das zu vermeiden, müssen Hersteller entweder mehr CO2-freundliche Elektromobile produzieren, oder effizientere Autos mit Verbrennungsmotor, die weniger Sprit verbrauchen. Effizienter wird man, indem man beispielsweise leichtere Autos auf die Straße bringt.

Kann man eigentlich eine exakte Berechnung aufstellen wie viel Kilogramm Gewichtsverlust eine bestimmte Menge CO2 einsparen?

Jein. Es kommt immer auch darauf an wo im Auto sie das Gewicht reduzieren. Wenn eine Gewichtseinsparung beispielsweise zur Konsequenz hat, dass das Auto zu kopflastig wird, dann kann es passieren, dass der Hersteller erhebliche Probleme mit der Fahrstabilität bekommt. Zudem kann man auch hier nicht verallgemeinern, denn es kommt immer auch auf das exakte Modell, an. Leichtbau ist eben ein sehr komplexes Thema.

Nosic

Wie kommt Freudenberg ins Spiel?

Unsere Vliesstoffe sind sehr gut im Leichtbau einsetzbar. Ein textiler Unterboden aus Vliesstoff ist substantiell leichter, als ein Unterboden aus Spritzguss. Im Spritzguss haben sie eine höhere Dichte im Material.

Ähnlich ist es beim Thema Akustik: Man kann mit schwergewichtigen Sperrschichten arbeiten, die dafür sorgen, dass die Geräuschquelle abgeblockt wird. Ein Geräusch trifft also auf diese Schicht und wird reflektiert. Unsere Vliesstofflösungen sind aber absorbierend, sie nehmen diesen Schall auf und die Schallenergie wird im Material in Wärmeenergie umgewandelt. Absorbierende Lösungen sind etwas voluminöser, mit hohen Lufteinschlüssen und haben dadurch substantiell weniger Gewicht.

Aber Leichtbau ist nicht der einzige Faktor der für unsere absorbierenden Lösungen spricht. Verschiedenste Länder planen Regulierungen, die die Lautstärke eines Autos erheblich verringern sollen. In Japan darf ein Auto zum Beispiel nur eine maximale Geräuschkulisse abbilden. Wenn ich ein reflektierendes System habe, dann wird der Schall aber abgeprallt, sprich, das Auto wirkt auf Außenstehende - wie Spaziergänger - lauter. Bei unserer leichtgewichtigen Lösung wird der Schall absorbiert und das Auto wirkt somit auch nach außen leiser.

Können sie andere Beispiele nennen, wie Freudenberg die Fahrzeughersteller beim Leichtbau unterstützt?

Zum Beispiel mit moderner Gepäckraumabdeckung, den Cargo Covers. Die sind derzeit vorwiegend aus PVC. Unser Team in Korea hat gemeinsam mit einem Automobilhersteller nach Alternativen für diese PVC-Lösung gesucht. Aus umwelttechnischen und gesundheitlichen Gründen wollen sie auf den Einsatz von PVC verzichten. Ein weiterer Grund ist das Thema Gewicht, das reduziert werden soll. Tauschen sie PVC durch Vliesstoffe aus, sparen sie pro Quadratmeter Material bis zu 400 Gramm ein. Bei 1,0 bis 1,5 Quadratmetern Cargo Covers im Auto sind wir bei einem gewichtigen Unterschied. Unabhängig davon frieren bei Kälte die klassischen Cargo Cover aus PVC oft fest. Man kann sie nicht mehr einfach bewegen. Unsere Lösung bleibt auch bei extremen Temperaturen flexibel.

Seit wann arbeitet Freudenberg am Thema Leichtbau?

Seit 2007 entwickeln wir leichtgewichtige Teppiche für Autos. Unterbodenverkleidungen werden seit 2014 optimiert, Akustik-Lösungen werden ebenfalls seit Jahren erarbeitet.

Wir sprechen also nicht von einem Material das Freudenberg unterschiedlich einsetzt, sondern von diversen Performance Materials.

Nosic

Ja. Das sind unterschiedlichste Arten von Vliesstoff. Verkürzt gesagt arbeiten wir mit vier Grundtechnologien die wir beliebig kombinieren können. So finden wir für jedes Problem eine maßgeschneiderte Lösung, die die passenden Eigenschaften besitzt. Wenn man sich zum Beispiel die Acoustic Pads anschaut, dann ist das ein watteweiches, luftiges Material. Der Unterboden dagegen ist fast steinhart und wurde auch aus einem Vliesstoff hergestellt.

Was hat Freudenberg in der Pipeline?

Jegliche Themen, die mit Elektrifizierung zu tun haben, werden im Hinblick auf Leichtbau eine größere Relevanz bekommen. Ein Beispiel: E-Mobility im Winter. Bei Kälte habe ich nicht mehr die „kostenlos“ verfügbare Wärme eines Verbrennungsmotors um den Innenraum zu beheizen und die Batterie entlädt sich tendenziell schneller. Wir brauchen also thermische oder thermoregulierende Lösungen, die aber nicht zu schwer sein dürfen. Das wird mittelfristig sehr, sehr wichtig sein. Dabei haben wir einen klaren Wettbewerbsvorteil: Wir sind weltweit führend bei thermoregulierenden Vliesstoffen für Outdoorbekleidung. Diese Expertise transferieren wir natürlich auch in den Automobilbereich. Und ein weiteres wichtiges Thema für die nahe Zukunft: naturfaserverstärkte Materialien.

Insgesamt bietet uns die Automobilindustrie ein hohes und langfristiges Wachstumspotenzial. Gleichzeitig ist es erfreulich, dass unsere technischen Textilien in einer Weise eingesetzt werden, die der Umwelt zugutekommen und letztlich die Lebensqualität der Menschen auf der ganzen Welt verbessert.

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